UNESCO-Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Das im Saarland gelegene ehemalige Hochofenwerk Völklinger Hütte bestand von 1873 bis 1986. Es wurde 1994 von der UNESCO als Industriedenkmal in die Liste der Welterbestätten aufgenommen.

Die Eisenerzgewinnung und -verarbeitung reicht im Saarland bis in die vorrömische Zeit zurück, kam aber mit dem Ende der römischen Besatzung bis zum späten Mittelalter weitgehend zum Stillstand. Die 1685 erfolgte Gründung der heute noch bestehenden Dillinger Hütte markierte den Beginn eines neuen Aufschwungs der Eisenindustrie, der die Industrialisierung des Saarlandes ab der Mitte des 19. Jahrhundert maßgeblich prägte. Eisenerz- und Steinkohlenvorkommen förderten zusammen mit der verkehrsgünstigen Lage die Entstehung eines von Kohlegruben, Eisenhütten, Maschinenbau-, Glas- und Keramikfabriken geprägten Wirtschaftsraumes entlang der Saar zwischen Saarbrücken und Merzig und im Gebiet zwischen Saarbrücken und Neunkirchen.

Der Hütteningenieur Julius Buch gründete 1873 im verkehrsgünstig gelegenen Völklingen ein Eisenwerk, in dem Roheisen aus dem nahen Luxemburg zu Eisenträgern und Eisenbahnschienen verarbeitet wurde. Als im Juli 1879 jedoch die Schutzzölle auf Eisen deutlich erhöht wurden, musste Buch sein Werk schließen, da sich die Einfuhr des Roheisens nun nicht mehr rentierte.

1881 erwarb der Unternehmer Carl Röchling (1827-1910) die stillgelegte Anlage, reaktivierte diese und ließ sie ausbauen. Schon 1883 wurde hier der erste Hochofen angeblasen, seinerzeit der größte im Saarrevier. Bis 1903 entstanden weitere fünf Hochöfen. Die Produktion konzentrierte sich auf die Herstellung von Eisenträgern (v.a. für den Hausbau) und schon 1890 war die Völklinger Hütte in diesem Bereich Marktführer im Deutschen Reich.

1891 erfolgte die Inbetriebnahme eines Thomaswerkes zur Stahlerzeugung. Beim Thomasverfahren war der Konverter mit einer basisch wirkenden Dolomitstein- oder Dolomit-Teer-Mischung ausgemauert. Damit konnte erstmals auch das phosphorreiche lothringische Eisenerz ("Minette") großindustriell verarbeitet werden, denn nun konnte die Minette mithilfe von Kalk ihren Anteil am Phosphor abstoßen. Zur Versorgung der Hütte hatte die Firma Gebrüder Röchling deshalb Eisenerzzechen in dem Teil Lothringens erworben, der seit 1871 dem Deutschen Reich angegliedert war. Bereits 1883 wurde mit der Eisenbahnstrecke Völklingen - Thionville die Verbindung zum Erzrevier hergestellt.

Ansicht der Röchlingschen Eisen- und Stahlwerke um 1910/1915 (historische Ansichtskarte, online unter http://www.zeno.org/nid/20000674273)

Die Verhüttung des Eisens erfolgte mit der im Saarland vorkommenden Steinkohle, die ab 1897 in einer ersten werkseigenen Batterie direkt neben den Hochöfen zum hochwertigeren Koks verarbeitet wurde. 1898 nahm die erste Gasgebläsemaschine ihren Betrieb auf, die das bei der Verhüttung anfallende Gas zusammen mit Luft wieder zurück in die Hochöfen leitete, um dort das Feuer anzufachen. Auch die Wasserpumpen zur Deckung des Kühlwasserbedarfs wurden mit Gasmaschinen angetrieben. Die markante Hängebahn zur Beschickung der Hochöfen ging 1911 in Betrieb.

Die Zahl der Mitarbeiter der Hütte stieg von Anfangs etwa 450 (1881) bis 1910 auf etwa 5.500 Personen. Für Ihre Versorgung ließ die Unternehmensführung umfangreiche Sozialeinrichtungen (u.a. Krankenhaus, Schwimmhalle, Werkskindergarten, Altersheim, Bibliothek, Werks- und Haushaltsschulen) sowie mehrere Werkssiedlungen in Völklingen und Umgebung errichten. Zudem bestand eine Krankenkasse und eine Pensionärskasse.

Im Ersten Weltkrieg war die Völklinger Hütte in die Rüstungsproduktion des Kaiserreiches eingebunden und produzierte u.a. den Rohstahl für die ab 1916 verwendeten Stahlhelme. Zur weiteren Produktion von Kriegsgütern (u.a. Geschosse, Stacheldraht, Feldbahnschienen) nahm 1915 ein Siemens-Martin-Stahlwerk und ein Press- und Hammerwerk den Betrieb auf. Da ein erheblicher Teil der Hüttenarbeiter zur Front abkommandiert war, kamen Frauen und Kriegsgefangene zur Arbeit in der Hütte zum Einsatz.

Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg gestalteten sich für die Völklinger Hütte schwierig. Völklingen und das Saargebiet wurden bis 1935 unter französische Verwaltung gestellt. Die verstärkte Konkurrenzsituation auf dem französischem Markt, die Währungsschwankungen des Franc und Probleme bei der Rohstoffversorgung senkten die Produktivität der Hütte. Dies führte jedoch in den 1920er Jahren zu einer Reihe von technischen Verbesserungen, mit denen Produktionskosten gesenkt und die Wettbewerbsfähigkeit schrittweise wiederhergestellt werden konnte. Dazu trug maßgeblich die 1928 errichtete Sinteranlage bei, eine der damals modernsten und größten in Europa, die nun auch das Recycling von Abfallprodukten (eisenhaltiger Gichtstaub, Feinerz) ermöglichte und so die Produktivität des Hochofenbetriebes und die Qualität des Roheisens verbesserte. 1929 hatte das Werk über 6.600 Beschäftigte und produzierte 500 Millionen Tonnen Stahl und 400.000 Tonnen Walzwerksprodukte.

Der Vergleich der beiden Messtischblätter zeigt eindrucksvoll das Wachstum der Völklinger Hütte zwischen 1882 (oben) und 1940 (unten), mit der Ausdehnung der Hütte ging auch das Wachstum der Stadt Völklingen selbst einher (Kartengrundlage: Meßtischblatt 6707 Saarbrücken Ausgaben 1882 und 1940, Sammlung SLUB / Deutsche Fotothek, online unter http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/71057067 und http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/71057070)

Ab 1935 gehörten das Saargebiet und die Völklinger Hütte wieder zum Deutschen Reich. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde das Werk im September 1939 geschlossen, da es in der "Roten Zone" entlang des Westwalls lag. Doch schon im Dezember 1939 wurden die Hochöfen wieder angefahren und die Hütte umfänglich in die Kriegsproduktion der nationalsozialistischen Wirtschaft eingegliedert. Mit fortlaufenden Kriegsverlauf wurde wie schon im Ersten Weltkrieg die Produktion zunehmend von Frauen, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern aufrecht gehalten. In der Hütte waren bis zum Kriegsende 1945 bei einer Gesamtbelegschaft von etwa 14.000 Personen bis zu 6.000 ausländische Arbeitskräfte, darunter etwa 1.300 Kriegsgefangene, beschäftigt. Die Zwangsarbeiter stammten überwiegend aus der Sowjetunion und Frankreich. Zu den dunklen Kapiteln der Werksgeschichte gehört ein zu dieser Zeit unterhaltenes Schnellgericht samt betrieblichem Arbeitserziehungslager, in dem "Vergehen bezüglich von Disziplinlosigkeit" mit Arbeitserziehungshaft geahndet wurden. Zahlreiche Insassen des Lagers überlebten die hier erlittenen Misshandlungen nicht.

Nach Kriegsende wurde das Saargebiet erneut bis 1956 unter französische Verwaltung gestellt. Die Völklinger Hütte war von Kriegszerstörungen weitgehend verschont geblieben und konnte schon 1952 wieder den Produktionsstand von 1938 erreichen. Nach dem Wiederaufbauboom der 1950er Jahre erreichte die Produktion in den 1960er Jahren ihren Höhepunkt. 1965 waren in der Völklinger Hütte etwa 17.000 Menschen in Produktion und Verwaltung beschäftigt. Doch bereits zu dieser Zeit machte sich zunehmend eine weltweite Stahlkrise bemerkbar, da immer mehr Hersteller (u.a. in Japan, Indien, Brasilien) als Stahlhersteller zu günstigen Preisen auf den Weltmarkt drängten. Im Zusammenhang mit der Wirtschafts- und Ölkrise Anfang der 1970er Jahre gerieten die deutschen Hüttenstandorte zunehmend unter Konkurrenzdruck. Zwar konnten mit neuen Verfahren (Linz-Donawitz-Verfahren, Stranggussverfahren) die Produktionskosten gesenkt werden, andererseits verursachten diese Verfahren aber erst einmal hohe Investitionskosten.

Zur Kostensenkung fusionierte die Völklinger Hütte 1971 mit der 1856 gegründeten Burbacher Hütte in Saarbrücken, 1982 folgte die Integration des Eisenwerkes Neunkirchen in das Unternehmen. Als Antwort auf die Stahlkrise wurde die Montanindustrie im Saargebiet grundlegend umstrukturiert, dabei wurden einzelne Standorte stillgelegt, anderer Werke hingegen erhalten und mit modernen Produktionsanlagen konkurrenzfähig ausgestattet. So nahm in unmittelbarer Nachbarschaft zur Völklinger Hütte 1982 das damals modernste Blasstahlwerk der Welt seinen Betrieb auf, das nach dem Linz-Donawitz-Verfahren arbeitet (LD-Werk). Im Gegenzug wurden die nunmehr fast 100 Jahre alten Hochöfen der Völklinger Hütte 1986 stillgelegt und die Roheisenerzeugung eingestellt. Da neue LD-Werk bezieht sein Roheisen zur Stahlerzeugung aus der 1685 gegründeten Dillinger Hütte.

Aufgrund des Engagements des saarländischen Denkmalschutzes wurde die Hochofengruppe der Völklinger Hütte bereits 1986 als Industriedenkmal unter Schutz gestellt. 1994 erklärte die UNESCO die gesamte Roheisenerzeugung der Völklinger Hütte mit einem Gesamtareal von etwa 7,5 Hektar als erstes Industriedenkmal des 19. und 20. Jahrhunderts zum Weltkulturerbe. Die erhaltenen Anlagen entstammen aus der Zeit von 1891 bis um 1930 und dokumentieren in seltener Vollständigkeit die Eisengewinnung in der Blütezeit der Eisen- und Stahlindustrie. Die Völklinger Hütte ist heute als Museum einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Wesentliche Bestandteile des Ensembles sind:

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Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Eingangsbereich

Blick auf die Sinteranlage

in der Sinteranlage

Sinteranlage und Wasserturm, im Hintergrund das LD-Stahlwerk

Rohstofflager der Sinteranlage

Blick auf den Wasserturm

Pumpenhaus (vorn) und Wasserturm

im Möllerbunker (Erzsilo II)
 

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Literatur und weiterführende Informationen

...wird noch ergänzt...

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