3. Hengstererbener Montanwanderung am 19.07.2014

Etwa 10 Kilometer südöstlich von Johanngeorgenstadt befindet sich im böhmischen Teil des Erzgebirges in einer Höhe von ca. 900 Metern die Lagerstätte Hengstererben (Hřebečná). Dabei handelt es sich nach Schlaggenwald (Horni Slavkov) und Graupen/Zinnwald (Krupka/Cínovec) um die drittgrößte Zinnlagerstätte der tschechischen Republik. Die Zinngreisen und Zinnzwitter waren in ihrer Entstehung an eine Granitintrusion gebunden, die zur Herausbildung zahlreicher Zinngänge führte. Die bergmännisch bedeutendsten waren die Gänge "Mauritius" und "Führinger". Die beiden dicht nebeneinander liegenden Hauptgänge erreichten eine Gesamtmächtigkeit von bis zu 16 Metern und wurden in eine Tiefe von bis zu 220 Metern abgebaut.

Der Abbau der Zinnvorkommen begann in Hengstererben um 1530/1540. Rasch entwickelten sich die "Rote Grube" und die "Behrische Zeche" (Ende des 17. Jahrhunderts in "St. Mauritius Zeche" umbenannt) zu den ertragreichsten Gruben. Die genauen Förderzahlen der bis zum Ende des 16. Jahrhundert andauernden ersten Blütezeit des Bergbaus sind nicht bekannt, werden aber auf 3.500 bis 10.000 Tonnen Zinn geschätzt. Vom raubbauartig betriebenen Abbau der frühen Jahrzehnte zeugen heute noch zahlreiche Pingen im Kreuzungsbereich der Gänge "Mauritius" und "Führinger". Die größte Pinge ist etwa 230 Meter lang, 30 Meter breit und bis zu 20 Meter tief. Die Grubenentwässerung erfolgte über ein System von Entwässerungsstollen, von denen der "Festenberger Stollen" der bedeutendste war. 

Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges brach der Bergbau ein, erholte sich jedoch im 18. Jahrhundert wieder. Ab 1751 wurde der "Blasius Erbstollen" mit einer Länge von 1.600 Meter als neuer Hauptentwässerungsstollen aufgefahren. Er entwässerte den "Mauritius-Schacht" bis in eine Tiefe von 84 Metern. Das Wasserhaltungssystem umfasste auch mehrere Kunstteiche und Kunstgräben. Ende des 18. Jahrunderts erreichte die Fördermenge ca. 100 Tonnen Zinn pro Jahr. Im Umfeld der "Mauritius Zeche" beststanden damals umfangreiche Verarbeitungsanlagen (Pochwerke, Bergschmiede, Sägewerk, Arsenhütte, Zinnhütte etc.).

Importe aus Übersee und steigende Abbaukosten aufgrund des notwendigen Vorstoßes in immer tiefere Abbaubereiche reduzierten die Rentabilität des Hengstererbener Zinnabbaus im 19. Jahrhundert erheblich. Die jährliche Fördermenge ging zwischen 1858 und 1878 auf etwa 5 Tonnen Zinn pro Jahr zurück. Obwohl die "Mauritius Fundgrube" noch kurz zuvor umfangreich modernisiert wurde, musste der Abbau hier 1891 mangels Rentabilität eingestellt werden. Nachfolgende Erkundungen, die zuletzt bis 1973 betrieben wurden, blieben erfolglos.

Seit mehreren Jahren engagieren sich einige Bergbaufreunde im "Verein für die Freunde des heiligen Mauritius" für den Erhalt der Bergbausachzeugen in Hengstererben und Umgebung. Großes Ziel ist die Aufgewältigung des ab 1540 aufgefahrenen "Christoph Stollen" zu einem Besucherbergwerk. Im Sommer 2014 luden die Bergbaufreunde nun schon zum dritten Mal zu einer deutsch-tschechischen Bergbauwanderung ins Revier ein. Der Einladung folgten etwa 80 Bergbaufreunde. Nachfolgend sind einige Impressionen der Wanderung wiedergegeben.

Am Startpunkt der Wanderung hatten sich um 10.00 Uhr etwa 80 Bergbaufreunde versammelt. Davon stammte etwa die Hälfte aus Sachsen, da die Wanderung mit tschechischen und deutschen Erläuterungen geführt wurde.

Der Weg führte entlang der Hauptstraße durch den kleinen Ort Hengstererben, der heute nur noch etwa 40 ständige Einwohner zählt. Der Grubenhunt am Straßenrand weist auf ein kleines Bergbaumuseum hin, dass aber 3 Minuten nach dem Start der Wanderung erst einmal "links liegen gelassen" werden musste.

Das Museum ist, wie auch noch weitere Häuser im Ort, in einer typischen Blockbauweise errichtet.

Hier ist ein weiteres gut erhaltenes Holzblockhaus zu sehen. In der Ortsmitte verließen wir dann die Hauptstraße und gingen nach Osten auf die Rote Wistritz (Bystřice) zu. Quer über eine Bergwiese erreichten wir am Waldrand den ersten Exkursionspunkt, das verbrochene Mundloch des "Blasius Erbstollen". Der Mundlochbereich wird durch einen großen Austritt von Grubenwasser markiert

Der "Blasius Erbstolln" wurde ab 1751 als neuer tiefer Hauptentwässerungsstollen aufgefahren. Gegenüber dem "Festenberger Stollen" brachte er einen Tiefengewinn von 50 Metern. Bis 1785 erreichte der "Blasius Erbstollen" eine Länge von 1.600 Metern. In einer Entfernung von 725 Metern vom Mundloch schnitt der Stollen in einer Tiefe von 84 Metern den Hauptschacht der "Mauritius Zeche". Ingesamt ermöglichte der Stollen einen Abbau der Zinnerze bis in eine Tiefe von reichlich 200 Metern. Allerdings verläuft der Stollen auf den ersten 380 Metern durch brüchiges Schiefergestein, so dass hier wiederholt Brüche auftraten. Durch die Verbrüche der letzten Jahrzehnte ist eine geregelte Entwässerung der alten Grubenbaue nur mehr eingeschränkt möglich. Man geht davon aus, dass der Wassereinstau heute ein Niveau von bis zu 15 Metern über der Stollensohle erreicht hat.

Zum Zeitpunkt der Wanderung flossen die Grubenwässer ungeregelt in die Rote Wistritz ab. Die Wanderroute folgte der Wistritz flussaufwärts und passierte den zweiten Exkursionspunkt, einen alten Zinnpochwerkplatz. Die Wasserkraft des Flusses trieb hier mindestens 5 Pochwerke an, die das Zinnerz vor dem Schmelzen zerkleinerten. Die Pochwerke blieben bis in die 1870er Jahre in Betrieb, waren nach der Betriebseinstellung aber dem Verfall preisgegeben.

Recht unkonventionell ging es querfeldein aus dem Wistritztal zurück auf die Erzgebirgskammfläche.

Oben erwartete uns dann der dritte Exkursionspunkt, der Gefeller Kunstteich. Der vermutlich im 18. Jahrhundert angelegte Teich diente der Wasserversorgung der Pochwerke im Wistritztal und umfasste eine Wasserfläche von 3.400 m2. Der Teich hat heute keine funktionsfähige Wasserzuführung mehr, so dass er komplett trocken liegt.

Im Teich selbst sieht man, dass der Damm auf der nördlichen Seite (rechts im Bild) teilweise ausgemauert war.

Der Weg führte nun weiter in Richtung Osten in das Waldgebiet zu Füßen des Gottesgaber Spitzberges (Božídarský Špičák) hinein. Zwischendurch gab der Wald kurz noch einmal den Blick über den Kamm zur verfallenen Kaserne der Grenztruppen frei. Vorbei an einem alten Wassergraben, der Aufschlagwasser zur "Mauritius Zeche" führte, gelangten wir etwa 3 Kilometer nordöslich von Hengstererben zum fünften Exkursionspunkt, dem Behrischen Teich (Mrtvý rybník).

Der Behrische Teich ist das bedeutendste erhaltene Zeugnis der umfangreichen bergmännischen Wasserwirtschaft in Hengstererben. Der in einer Höhe von etwa 1.000 Metern gelegene Teich wurde im 18. Jahrhundert im wasserreichen Quellgebiet der Wistritz angelegt. Der 170 Meter lange Damm staut eine Wasserfläche von 17.000 m2. Damit stand für die "Mauritius Zeche" und ihre Zinnaufbereitungsanlagen witterungsunabhängig genügend Aufschlagwasser zur Verfügung, das in Gräben zur Grube geleitet wurde.

Der Behrische Teich ist heute Bestandteil des Naturschutzgebietes Gottesgaber Torfmoor. Benannt ist der Teich wie auch die "Behrische Zeche" nach der Bergherrenfamilie Behr.

Vom "Behrischen Teich" aus führte uns die Wanderung nun in Richtung Süden. Nach etwa 2 Kilometern erreichten wir die ehemalige kleine Siedlung Werlsberg (Vršek). Die Siedlung musste nach dem II. Weltkrieg dem Sankt Joachimsthaler Uranbergbau weichen. Die Joachimsthaler Lagerstätte umfasste neben umfangreichen Silbererz auch größere Mengen Uranerz, dessen Gewinnung aber erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Bedeutung erlangte. Im beginnenden Kalten Krieg begann die russische Besatzungsmacht noch 1945 mit der umfangreichen Förderung des Uranerzes. Der Uranbergbau wurde für Mensch und Umwelt rücksichtslos betrieben, so erfolgte u.a. der Einsatz von deutschen Kriegsgefangenen und der deutschsprachigen Bevölkerung des Grenzgebietes als Zwangsarbeiter in den Gruben.

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Die Urangrube "Barbora" ("Uranový důl Barbora") wurde ab 1948 aufgefahren. Sie entwickelte sich in den nächsten Jahren zur zweitwichtigsten Grube im Sankt Joachimsthaler Bergbaugebiet. Entsprechend umfangreich waren die Tagesanlagen.

Zu den Tagesanlagen gehörten neben dem eigentlichen Schacht das Maschinenhaus, eine Trafo- und Kompressorenstation, Lagerhallen, Werkstätten, Verwaltungsgebäude und ein Arbeitslager für 800 bis 1.000 Zwangsarbeiter. Bereits Ende der 1950er Jahre waren die Uranerzvorkommen der Grube "Barbora" jedoch erschöpft und der Bergbau wurde hier eingestellt. Seit Ende der 1960er Jahre erfolgte der schrittweise Abriss der Tagesanlagen, der sich bis nach 2000 hinzog. Heute zeugen noch das Wegenetz und eine ganze Reihe von Trümmerbergen vom Umfang des einstigen Bergbaus. Im Bildhintergrund reicht der Blick hier bis zum Keilberg (Klínovec), dem höchsten Berg des Erzgebirges.

Der eigentliche Schacht ist heute mit einer Betonplatte verwahrt. Er wurde ursprünglich bis in eine Tiefe von 428 Metern niedergebracht. Der Abbau der Grube "Barbora" erfolgte auf insgesamt 8 Sohlen, wobei die 1. Sohle mit einem alten Stollen aus dem 18. Jahrhundert identisch war. Untertage bestanden zudem Verbindungen zu den benachbarten Schächten "Eva" (ca. 1.000 Meter südlich), "Jirina" und "Ost Abertam" ("Východní Abertamy", ca. 1.300 Meter westlich). Die Gruben "Barbora" und "Eva" förderten insgesamt zusammen 1.725 Tonnen Uran.

Südlich der Tagesanlagen zeugt heute noch eine große Halde vom alten Uranbergbau. Allerdings hat diese schon beträchtlich an Umfang verloren, da das Haldenmaterial seit geraumer Zeit als Straßenbaumaterial genutzt und die Halde so schrittweise abgetragen wurde.

Nächster Exkursionspunkt war die bereits erwähnte Urangrube "Ost Abertam" ("Východní Abertamy"). Der Schacht der Grube wurde zwischen 1954 und 1958 bis in eine Tiefe von 315 Metern niedergebracht. Dabei diente die Grube weniger der Erzförderung sondern vielmehr der untertägigen Verbindung der Gruben "Hieronymus" ("Jeronym") in Abertam (ca. 2.000 Meter westlich) und "Barbora" (ca. 1.300 Meter östlich). Das Foto zeigt das ehemalige Maschinenhaus der Grube "Ost Abertam", das einzige Restgebäude der Tagesanlagen.

Östlich des Maschinenhauses findet sich versteckt im Wald die Halde der ehemaligen Grube.

Die Wanderung führte nun wieder zurück in Richtung Hengstererben. Am südöstlichen Ortsrand erreichten wir mit dem Wassergraben des "Anna Stollen" ("štolu Anna") ein bedeutendes Zeugnis der bergmännischen Wasserwirtschaft. Der Graben markiert zugleich die zugleich die Grenze zwischen den Gemeinden Abertam, Hengstererben und Sankt Joachimsthal.

 

Ein Abzweig des Grabens führte auch zur "Teufelszeche" ("Ďábelský cech"). Die Zeche war wie auch der "Anna Stollen" eine Besonderheit im Zinnbergbaugebiet Hengstererben, da hier ursprünglich Silber gefördert wurde. Die tiefe Pinge stammt allerdings nicht vom frühen Silberbergbau, sondern ist der Schurf 34/1, der ein Ergebnis der Uransuche der Nachkriegszeit ist.

Hier noch mal der Blick von der anderen Seite "ins Loch".

Und das war´s dann auch schon mit der 3. Hengstererbener Montanwanderung: Mit reichlich 10 Kilometern Marsch in den Beinen und vielen neuen Eindrücken ging die Wanderung nach etwa 6 Stunden zu Ende. An dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön an die "Freunde der Grube des Hl. Mauritius" für diesen Tag. Leider ließ der Zeitplan an diesem Tag keinen weiteren Blick auf die weiteren zahlreichen Bergbauzeugnisse des Hengstererbener Bergbaus zu. Wer sich darüber informieren will kann dies unter www.unbekannter-bergbau.de/inhalte/spot_12_2012_hengstererben.htm und http://www.unbekannter-bergbau.de/inhalte/spot_12_2012_christofstolln.htm tun. Und eins ist sicher: auch 2015 wollen wir wieder dabei sein!

Glück Auf! / Zdař Bůh!