"Amerika" - die Kalksteinbrüche nördlich der Burg Karlstein

Das Gebiet des Böhmischen Karsts verfügt über zahlreiche Standorte der Kalksteingewinnung.  An einigen Orten erfolgte die Gewinnung dabei bereits im Mittelalter, wie es bspw. für die Kalksteinbrüche gilt, die an der Moldau direkt vor den Toren Prags lagen. Demgegenüber erlangten einige Steinbrüche erst wesentlich später Bedeutung, wobei die Produktionsmenge aber teils außergewöhnlich große Ausmaße annahm. Dazu gehören insbesondere die nördlich der Burg Karlstein gelegenen Kalksteinbrüche, die heute unter dem Namen "Amerika" bekannt sind. Hier liegen mehrere große und kleine Abbaubereiche auf engem Gebiet beieinander und bilden eine beeindruckende Bergbaulandschaft.

Der Beginn des Abbaus erfolgte erstaunlicherweise erst im späten 19. Jahrhundert, als im Kohlerevier um Kladno immer größere Mengen Kalksteins als Zuschlagstoff für die Schmelzöfen der Eisen- und Stahlhütten benötigt wurden.

Um 1900 waren die Kalksteinbrüche noch verhältnismäßig klein. Der bereits fertig gestellte Eisenbahnanschluss unterstreicht aber die Bedeutung der Kalksteinlagerstätte für die Eisenverhüttung in Kladno.

Wenige Jahre später zeigten sich bereits ausgedehnte Abbaubereiche. Das Gebiet westlich des für das Bergbaurevier namensgebenden Forsthauses "Amerika" war damals jedoch erst in geringem Ausmaß bebaut.

Der Umstand, dass die hochwertigen Kalksteinschichten aufgrund einer intensiven Faltungs- und Bruchstruktur verteilt lagen, machte es nötig, dass das gesamte Gebiet mit Stollen erkundet und erschlossen wurde.Von den Erschließungsstollen aus konnte dann in den Bereichen hochwertiger Kalksteine mit der Anlegung von kesselartigen Kalksteinbrüchen begonnen werden. Einige dieser Brüche erreichten gewaltige Dimensionen von teils über 100 m Länge und 50 m Tiefe. Bemerkenswert ist dabei, dass durch das Stollensystem eine Verbindung von übertägiger Steinbrecherei und untertägiger Förderung gegeben war.

Übersicht über das Kalkrevier nördlich der Burg Karlstein.
 

Übersichtsplan des Westteils der Kalksteinbrüche "Amerika". Verzeichnet sind die Abbaubereiche sowie das Stollensystem der 2. Sohle (390 m über NN) und der 3. Sohle (375 m über NN).


Entwicklung der Kalksteinbrüche "Amerika" bei Mořina


Die eigentlich abseits der Verkehrswege gelegenen Kalksteinbrüche bei Mořina enstanden in konkretem Zusammenhang mit der Hüttenindustrie Kladnos. Diese hatte zunächst ihre Rohstoffe Eisenerz und Kalkstein (als Zuschlagmittel im Hochofen) aus Nučice bezogen, wozu 1856 eigens eine 24 km lange Bahnlinie eröffnet wurde. Mit der stets steigenden Produktion wurde die Erschließung neuer Kalksteinbrüche notwendig, so dass von Nučice aus in mehreren Etappen weiter nach Süden abbauwürdige Lager erschlossen wurden (u.a. bei Tachlovice und am Berg Holý vrch). Erst 1891 wurde dann bei Mořina durch Gottfried Bächer nachweislich mit einem regulären Abbau von Kalksteinen begonnen. Bald erwarb die Prager Eisenindustrie Gesellschaft die Steinbrüche, um direkte Lieferungen an ihre Eisen- und Stahlwerke in Kladno gewährleisten zu können (siehe dazu den Beitrag zur Adalbert-Hütte). Folglich bestimmte nunmehr ein kapitalstarkes Unternehmen die Kalksteingewinnung, wodurch die Realisierung moderner und auf große Kapazitäten ausgelegter Technologien möglich wurde. So entstand ein einzigartiges System von Erschließungs-, Erkundungs- und Förderstollen, welche für den Betrieb von Kleinbahnen ausgebaut wurden.


Die Entwicklung der Steinbrüche lässt sich folgendermaßen rekonstruieren. Zuerst wurde durch sogenannte "Schnitte" die oberflächennahen Kalksteinschichten erkundet. Da die Verwitterungsschicht teils sehr beträchtlich ist ist diese Erkundungstechnik allerdings sehr ungenügend. Es erschien daher sinnhafter, durch Erkundungsstollen eine genauere Überprüfung der Bauwürdigkeit vorzunehmen. Allerdings konte diese bergmännische Vorgehensweise nur von kapitalstarken Unternehmen realisiert werden. Als geeignet galten solche Kalksteinschichten, die eine senkrechte Bankung aufwiesen, da hier der Einsatz von Schießpulver minimiert werden konnte. Es wurde dabei nach dem Prinzip der Unterhöhlung gearbeitet, so dass die Gesteinsmassen in der Folge durch die Schwerkraft in die dafür vorgesehenen Stollen und Schächte stürzten. Waagerechte Kalksteinbänke konnten erst mit Einführung der pneumatischen Bohrtechnik bearbeitet werden, was hier erst ab 1906 möglich war. Die Erkundungsstollen wurden, wenn bauwürdige Lager aufgefunden worden waren, nachträglich erweitert, um die Förderung per Bahn möglich zu machen. Nur in einigen Bereichen sind die ursprünglichen Erkundungsstollen mit kleinem Profil bis heute erhalten geblieben.

 

Ein Beispiel für die althergebrachte Erkundung bauwürdiger Lager durch das 'Aufschneiden' der oberen Kalksteinlagen ist das sogenannte "Velké Řezno" nordwestlich des "Podkova"-Kalksteinbruchs.

In einigen Abbaubereichen, wie hier dem "Černý lom" (Schwarzen Bruch) sind die Erkundungsstollen im alten Profil und Ausbau erhalten geblieben.


War der Förderstollen vollendet, konnte mit der Erschließung des Steinbruchs begonnen werden. Dazu wurde ein Schacht zur Oberfläche geführt. Im Bereich um den Schacht konnte dann das Gestein abgebaut werden, wobei der Schacht selbst als "Rollloch" diente. Das heißt, das geförderte Material wurde hier hinein geschüttet, so dass es direkt in bereitstehende Wagons der Kleinbahn auf dem Förderstollen fiel. War der Abbau bis auf das Niveau des Förderstollens vorangeschritten musste eine tiefere Etage erschlossen werden, wozu das Abteufen eines Schachtes nötig wurde. Da der Standort des alten Verarbeitungsbetriebes bei Mořina auf 356 m über NN lag, konnte bis 1963 kein tieferes Stollensystem zur Förderung genutzt werden. Die 4. Sohle stellte dabei die unterste Förderstrecke dar. Bei der Tieferlegung der Steinbrüche unterhalb diesem Niveau mussten folglich Hebevorrichtungen eingesetzt werden.

Darstellung des Abbauverfahrens mittels Rolloch auf einer Infotafel am Steinbruch "Malá Amerika". Von der höher gelegenen Sohle des Kalksteinbruchs wurde das gebrochene Kalksteinmaterial durch einen Schacht ("Rolloch") zur Förderstrecke geschüttet.

 

Darstellung des Vorgehens beim Abteufen eines Kesselbruchs (Quelle: Infotafel am Steinbruch "Malá Amerika"). Der intensive Abbau führte innerhalb weniger Jahre zur starken Vertiefung des Kalkbruchs. Nachdem 1950 der Abbau bis zur 3. Sohle (375 m über NN) vollzogen war, wurde eine tiefere Sohle auf 356 m über NN aufgefahren. Dadurch konnte der Abbau im Steinbruch zunächst fortgeführt werden. Da eine tiefere Sohle wegen der Lage des Verarbeitungsbetriebs zunächst nicht angelegt werden konnte, mussten bei der erneuten Tieferlegung des Steinbruchs die Steine nun zur 4. Sohle gehoben werden. Der in dieser Phase entstandene Hohlraum ist mittlerweile vom Grundwasser gefüllt. Obwohl das Lager in der Tiefe weiter abbauwürdig ist, entschied man sich dafür, die Arbeit hier 1958 einzustellen


Der Haupterschließungsstollen hat eine Länge von 2950 m. Er verläuft auf 375 m über NN und weist ein Profil von 2,5 x 2,5 m auf. Interessant ist ein Projekt aus den 1940er Jahren, bei welchem geplant war, diesen Stollen nach Westen zum Tal des Baches Bubovický potok zu verlängern. Dort sollte die Kleinbahn über eine Brücke in den gegenüberliegenden Hang führen und weiter bis zum Kalksteinbruch Alcazar (Hostim I) an der Beraun führen. Das Vorhaben wurde mit Kriegsende nicht mehr realisiert. Da das Kalksteingebiet zahlreiche Karsterscheinungen aufweist und zahlreiche mit Verwitterungsmaterial gefüllte Hohlräume vorhanden sind, kam es zu zahlreichen Verbrüchen auf den Strecken und Stollen aller 4 Sohlen. Ein Großteil des Stollensystems ist mit massiven Eisengittern verwahrt worden, dennoch sind mehrere Bereiche frei zugänglich. Dabei können interessante geologische Details studiert und Relikte der technischen Einrichtung entdeckt werden.

 


Der Zugang zum "Arnova štola" ist durch ein kleines Loch möglich, allerdings endet der Stollen bald an einem Verbruch.

Der "Arnova štola" mündete als Schrägschacht im Betriebsgelände bei "Malá Amerika".

Blick in den kleinen "Černý lom" (Schwarzer Bruch).

Die Tiefbaubereiche im "Černý lom" sind stark verbruchgefährdet.

Teilweise ist hier noch alter Stollenausbau erhalten geblieben.

Ein Blick aus dem Tiefbaubereich in den "Černý lom".

Man verzichtete hier offenbar auf die Erweiterung der ursprünglichen Erkundungsstollen, da die Förderung in diesem Bruch sehr gering blieb.

In den "Červený lom" mündete der "Stendhalova štola". Der verbrochene Bereich deutet die Einmündung des Stollens an.

Der "Stenhalova štola" diente als Bremsberg.

Der "Stendhalova štola" endet kurz vor der Einmündung in den "Červený lom" (Roten Bruch) an einem Verbruch.

Der Bruch "Jižní kříž" (Südkreuz) liegt auf der 3. Sohle. Hier mündet der Hauptförderstollen mit der Teilstrecke "Diabasstollen".

Von der Sohle des "Fuchsbruch" ("Liščí lom") führt eine Strecke (Kamensko-Stollen) nach Norden. Hier lag die Garage der Kleinbahn.

Der Bruch "Kamensko" liegt am weitesten im Norden.

Kurz vor der Ausmündung in den Bruch "Kamensko" schneiidet die Förderstrecke die Karsthähle "Amerika 1" an.

Die Zugänge zum "Malý Přírodní" bzw. "Malé Kamensko"-Bruch sind verbrochen.

Im Bruch "Kamensko", der auch als "Velký Příroní" bekannt ist.

Blick aus dem Bruch "Kamensko" gen Osten. Hier mündet der "Kamenská"-Stollen.

Die Brüche "Liščí lom" ("Fuchs") und "Želva" ("Schildkröte") sind durch eine Felswand getrennt in die Förderstrecke (2. Sohle) verläuft.

Die Förderstrecke zwischen beiden Brüchen wird in Richtung Süden als "Gaislerova chodba" ("Gaislerstrecke") bezeichnet.

Blick aus dem Bruch "Želva" in Richtung Osten.

Blick von der Förderstrecke in den Bruch "Liščí lom".

Fundamente im ehemaligen Betriebsgelände westlich des Bruchs "Malá Amerika".

Ruinen im Betriebsgelände bei "Malá Amerika". In Blickrichtung liegt der Bruch "Liščí lom" ("Fuchsbruch").

Blick von Osten in den Bruch "Malá Amerika" ("Klein Amerika").

In der nördlichen Bruchwand sind die Galerien der Förderstrecke auf der 2. Sohle sichtbar.

Reste der Fördereinrichtung im Bruch "Malá Amerika".

Auf dem Niveau der 4. Sohle im Bruch "Malá Amerika". Zur 4. Sohle führte lediglich ein senkrechter Schacht.

Kalksteinbruch "Mexiko".

Kalksteinbruch "Mexiko".

Kalksteinbruch "Mexiko".

Denkmal für die Opfer unter den politischen Gefangenen, die hier in den 50er Jahren arbeiten mussten.

Blick aus der "Gaislerova chodba" ("Gaislerstrecke") in den Bruch "Modlitebna" ("Bethalle")

Von der "Gaislerstrecke" führte der "Hagen-Stollen" mit 10° abwärts zur 3. Sohle. Hier blieb die Winde des Bremsbergs erhalten!

Im Bruch "Modlitebna" (Blickrichtung gen Westen).

Im Abbaubereich "Pustý lom" ("Wüster Bruch").

Der Zugang von der Bruchsohle des "Pustý lom" zur Förderstrecke ist verwahrt.

Im "Pustý lom" ("Wüster Bruch").

Im "Pustý lom" ("Wüster Bruch").

Im Abbaubereich "Pustý lom" ("Wüster Bruch").

Im Abbaubereich "Soví ráj" ("Eulenparadies")

Im Bruch "Soví ráj" mündet der "Velikonoční" ("Weihnachtsstollen")

Blick in den kleinen "Supí lom" ("Geierbruch")

"Velká Amerika" (Groß Amerika) ist der größte Kalksteinbruch dieses Gebietes.

Kalksteinbruch "Velká Amerika".

Kalksteinbruch "Velká Amerika".

Blick in den Bruch "Želva" ("Schildkröte")
 


 

Quellen, Literatur und weiterführende Informationen