Zur Geschichte des Berggießhübeler Bergbaus

(1) Einleitung

Der Berggießhübeler Eisenerzabbau reicht urkundlich bis ins 14. Jahrhundert zurück, ist aber wahrscheinlich noch älter. Das hier geförderte Magneteisenerz (Magnetit) war besonders hochwertig und erlangte bereits im 16. Jahrhundert als "Pirnisch Eisen" überregionale Bekanntheit. Nach einer ersten Blütezeit in den Jahrzehnten vor dem Dreißigjährigen Krieg folgte eine längere Niedergangs- und Stagnationsphase, die erst im Zuge der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts endete. Der Bergbau blüte nochmals für wenige Jahre auf, bevor er 1892 weitgehend eingestellt wurde. Nachfolgende Erkundungsversuche blieben erfolglos. Seit 2006 gewährt das Besucherbergwerk im 1726 aufgefahrenen "Marie Louise Stolln" (ehemals "Friedrich Erbstolln") einen Einblick in die Berggießhübeler Unterwelt. Beim Abbau der bis zu 11 Meter mächtigen Erze entstand im Mutter-Gottes-Lager ein Nebeneinander von Weitungsbauen und Restpfeilern, wobei weite Teile des Abbaubereiches heute geflutet sind.

 

(2) Geologie der Berggießhübeler Lagerstätte

Die Eisen- und Kupfererzlagerstätte ist Teil des Elbtalschiefergebirges und Teil des Übergangsraumes zwischen den Gneisen des Erzgebirges und den Graniten und Granodioriten der Westlausitz (mit der aufliegenden Sandsteindecke des Elbsandsteingebirges). Die geologische Entwicklung der Region reicht etwa 550 Millionen Jahre zurück. Damals war das Gebiet Berggießhübel Teil eines Meeres, auf dessen Grund sich mächtige Sedimentfolgen ablagerten und unter dem Druck der aufliegenden Schichten zu Grauwacken, Hornsteinen, Quarzsandsteinen und Tonsteinen verdichteten. Diabase und Diabastuffe entstanden infolge untermeerischer Vulkanausbrüche. Durch chemische Prozesse (Ausfällung in kalkhaltigem Wasser) und biologische Prozesse (Sedimentation durch abgestorbene Mikroorganismen und Korallen) bildeten sich teils mehrere Meter mächtige Kalksteinschichten.

Vor etwa 315 Millionen Jahren setzten gebirgsbildende Prozesse infolge der Kollision zweier benachbarter Erdplatten ein. Die Meeresüberdeckung endete und im Zuge der variszischen Gebirgsbildung wurden die alten Sedimentgesteinsschichten samt zwischengeschalteter Kalklager stark verformt, gefaltet und auf- und übereinandergeschoben. Drucke und Temperaturen waren dabei so hoch, dass sich die sandigen Tonsteine zu kristallinen Schiefern und die Kalksteine teils zu Marmor umwandelten.

In der Endphase der Gebirgsbildung drang vor etwa 300 Millionen Jahren glutflüssiges Granitmagma in die Erdkruste ein und erstarrte zu Granit ("Markersbacher Granit"). Die dabei frei gewordenen heißen und wässrigen Minerallösungen drangen in Spalten, Risse und Klüfte des darüberliegenden Gesteins ein. Beim Auftreffen auf die Kalklager tauschten sie Calcium und Magnesiumkarbonate der Marmorlager gegen Eisen- und Buntmetallminerale aus. Dabei wurde ein Teil der Marmorlager zur Erzlagern insbesondere mit Magnetit (Fe3O4) und Chalkopyrit (CuFeS2) umgewandelt. Geologen bezeichnen eine derartige Lagerstätte als Skarn-Lagerstätte. Skarne stellen im engeren Sinne Gesteine dar, die aus Kalkgestein beim Kontakt mit Magma metasomatisch, d.h. durch Stoffwanderung im Sinne von Entmobilisierung und anschließender Anreicherung entstanden sind. Die Kalkgesteine wirkten dabei als gute Katalysatoren.

Lokal und untergeordnet wurden die Nebengesteine auch mit gering mächtigen Erzgängen durchsetzt, die u.a. Silber (Ag) und Zinn (Sn) enthalten.

Insgesamt entstanden im Berggießhübeler Untergrund eine Vielzahl verschiedenster metallischer und nichtmetallischer Verbindungen, die Mineralienliste umfasst derzeit ca. 70 Einträge. Dazu zählen neben den bereits erwähnten Eisen- und Kupfererzen auch einige auf den ersten Blick eher unerwartete Minerale wie Opal und Topas, allerdings nicht in abbauwürdiger Konzentration.

Die Erz- und Kalklager in und um Berggießhübel (Ausschnitt der Geologischen Karte - Sektion 102 Berggießhübel)

Der Bergbau konzentrierte sich auf die Eisen- und Kupferverbindungen, die in schichtförmigen Lagern und auf einer Länge von ca. 3 Kilometern beidseitig der Gottleuba auftraten. Die Mächtigkeit dieser Lager schwankte zwischen 10 Zentimetern und 6 Metern, einzelne Lager waren jedoch bis zu 11 Metern mächtig. Im Zuge ihrer Entwicklung wurden die Lager teils intensiv gestaucht und gefaltet, so dass das Streichen (Nordost bis West-Nordwest) und Fallen (30° - 60°N) der Lager erheblich schwankt.

Durch den Bergbau wurden bislang mehrere Dutzend Erzlager aufgefahren, von denen allein der "Marie Louise Stolln" auf einer Länge von knapp 500 Metern fünf Lager erschließt. Hauptbestandteil der Lager und wichtigstes Berggießhübeler Erz waren Vorkommen von Magnetit mit einem Eisengehalt von bis zu 67%.

Die Kupfererze traten in den oberflächennahen Schichten weitgehend zersetzt und umgewandelt z.B. in Form von Malachit auf. Primäre Kupfererze fanden sich oft erst unterhalb der Oxidationszone, so dass Bergleute früher eine reiche Kupferlagerstätte in größeren Tiefen vermuteten. Hierzu durchgeführte Abbauversuche konzentrierten sich auf das 18. Jahrhundert und verliefen aber insgesamt enttäuschend. Rückblickend konnte festgestellt werden, dass Kupfer im Vergleich zu Eisen nur etwa im Verhältnis 1:50 auftrat. Die geschwefelten Kupfererze enthielten auch Silber- und Goldanteile, wobei hier aufgrund der geringen Konzentration aber kein zielgerichteter Abbau erfolgte.

Bergbaulich bedeutsam waren jedoch die unmittelbar zum Eisenerz benachbarten kristallinen Kalksteine, die oftmals das Hangende der Erzlager bildeten und die z.B. Ende des 19. Jahrhunderts im "Marie Louise Stolln" mit abgebaut wurden.

Die wichtigsten Berggießhübeler Erzlager sind nachfolgend aufgeführt:

Mutter-Gottes-Lager: Mächtigkeit im Durchschnitt 2 - 4 Meter, lokal bis 11 Meter; wichtigstes und erzreichstes Berggießhübeler Lager, stetiger Abbau über mehrere Jahrhunderte im Bereich der "Mutter Gottes Fundgrube", ausgehend vom "Friedrich Erbstolln" ("Marie Louise Stolln") auf einer horizontalen Länge von wenigstens 280 Metern und bis in eine Tiefe von wenigstens 150 Metern abgebaut, horizontaler Abbau in früheren Jahrhunderten durch weitere Gruben weitreichender betrieben

Martinzecher-Lager: Mächtigkeit im Durchschnitt 2 - 4 Meter, lokal bis zu 8 Meter; östliche Fortsetzung des Mutter-Gottes-Lagers und neben diesem wichtigstes und erzreichstes Lager östlich der Gottleuba, stetiger Abbau über mehrere Jahrhunderte im Bereich der "Martinzeche", Abbau auf einer horizontalen Länge von wenigstens 250 Metern bis in eine Tiefe von wenigstens 75 Metern

Milde-Hand-Gottes-Lager: Mächtigkeit bis zu 3 Meter; ausgehend vom "Friedrich Erbstolln" ("Marie Louise Stolln") auf einer horizontalen Länge von ca. 170 Metern abgebaut

Segen-Gottes-Lager: Mächtigkeit bis zu 0,7 Meter; ausgehend vom "Friedrich Erbstolln" ("Marie Louise Stolln") auf einer horizontalen Länge von ca. 300 Metern abgebaut

Detlev-Lager: Mächtigkeit bis zu 4 Meter; ausgehend vom "Tiefen Zwiesler Erbstolln" auf einer horizontalen Länge von ca. 200 Metern abgebaut

König-Friedrich-August-Lager/Alex-Lager: Mächtigkeit im Durchschnitt bis zu 5 Meter, lokal bis zu 9 Meter; westliche Fortsetzung des Mutter-Gottes-Lagers und zugleich bedeutendstes Erzlager am westlichen Gottleubaufer, ausgehend vom "Tiefen Rosenwirth Erbstolln" auf einer horizontalen Länge von wenigstens 140 Metern abgebaut

Hammerzecher Lager: Mächtigkeit im Durchschnitt 3 - 5 Meter; abgebaut auf einer horizontalen Länge von wenigstens 70 Metern

Trautschold-Lager: Mächtigkeit im Durchschnitt 0,2 - 1 Meter; auf einer Länge von ca. 200 Metern nahezu vollständig abgebaut

Übersicht der wichtigsten Erzlager in Berggießhübel (Kartengrundlage: Hermann Müller: Über die Erzlagerstätten in der Umgegend von Berggießhübel. Leipzig 1890)

 

Impressionen aus der Berggießhübeler Unterwelt: Kalkschmitzen im Schiefergestein (links, "Marie Louise Stolln"), farbenprächtige eisenhaltige Sinter (mitte, "Tiefer Rosenwirth Stolln") und Kalksinter mit Tropfsteinbildung (rechts, "Marie Louise Stolln")

 

(3) Bergbaugeschichte im Überblick - Von den Anfängen bis zum Dreißigjährigen Krieg (1618/48)

Der genaue Beginn des Berggießhübeler Bergbaus ist aufgrund fehlender Urkunden und sicherer Nachrichten bis heute nicht feststellbar. Fest steht, dass mit der Bildung der Machtzentren Meißen und Prag sowohl die Markgrafen von Meißen als auch die Könige von Böhmen ab dem 12. Jahrhundert die Erschließung des bis dato unbesiedelten Waldgebirges zwischen Sachsen und Böhmen vorantrieben. Es ist davon auszugehen, dass bereits ein Teil der insbesondere aus Franken und Thüringen angeworbenen Siedler als „Eisenbauern“ über metallurgische Grundkenntnisse verfügten. In eigenen kleinen Schürfen und Gruben bauten diese Eisenbauern das an zahlreichen Stellen (neben Berggießhübel u. a. bei Schellerhau, Johnsbach, Reichstädt, Dorfchemnitz), aber oftmals nur gering im Osterzgebirge vorkommende Eisenerz selbst ab, um z. B. den immensen Werkzeugverbrauch, den die Rodung des Waldgebirges verursachte, zu decken.

Archäologische Forschungen liefern in den 1990er Jahren eine erste Nachricht über den möglichen Eisenerzabbau im Pirnaer Hinterland. Demnach wurden um das Jahr 1218 in der unterhalb der Burg Sonnenstein gelegenen Pirnaer "Burglehnhütte" in geringem Umfang Eisenschmelzversuche durchgeführt. Woher das verwendete Eisenerz stammte, konnte nicht ermittelt werden. Eine Herkunft aus der nur ca. 10 Kilometer entfernt liegenden Berggießhübeler Lagerstätte ist jedoch anzunehmen. Auch die nach einem Brand 1325 erneuerten Privilegienbriefe der Stadt Pirna, die sogenannte "Pirnaer Zollrolle", nennt bereits Eisen und daraus gefertigte Braupfannen, Pflugschare, Sicheln, Scheren und Schwerter als Waren, die von Pirna aus gehandelt werden.

Im Leibgedingebrief für die Frau des Vogts von Gottleuba werden 1388 neben Mühlen, Äckern, Wäldern und Wiesen auch "bergwerken" genannt. Der Pirnaer Burgmann Heinrich von Reichenbach gibt zudem 1418 an, dass Zinszahlungen für Holztransporte "...uf den berg by dy Gotlebe...", d. h. zum  Bergwerk bei der Gottleuba, seit "...dryssig jaren und
lenger...
", also ebenfalls wenigstens seit 1388, üblich sind. Damit erscheint die Jahreszahl 1388 für einen urkundlich genannten Bergbau in der ehemals böhmischen Vogtei Gottleuba. Zu dieser gehörend begann von dort aus der Bergbau auf der heutigen Stadtflur von Berggießhübel. Wann der Bergbau tatsächlich begann, muss bis zum heutigen Tag offen bleiben.

Der Ausgangspunkt des Bergbaus lag vermutlich im Gottleubatal, denn hier hatte sich der Fluss in den Hauptlagerstättenzug zu beiden Seiten der Talhänge hineingeschnitten und die Erzlager freigelegt. Vom Tal aus wurde der Abbau sowohl in östliche Richtung, d.h. in Richtung des heutigen Kirchberges, als auch nach Westen in Richtung des Hochsteins vorangebracht. Das Hauptabbaugebiet lag aber Bereich des Kirchberges. 1447 nennt eine Urkunde hier "...einen ißenberg, der Witeberg, zcwuschen der Goteleuben und dem Gißobil gelegen...". Der "Witeberg" bezeichnet das weit ausgedehnte Bergwerk am Kirchberg. Östlich angrenzend findet sich die Bergbauflur "Gißhobil" im Bereich der Fuchsbachwiesen. Ein Namenszusammenhang zum Eisengießen besteht nicht, da sich diese Technologie erst um 1520 im Berggießhübeler Revier durchsetzen wird. Schon sehr frühzeitig ging man neben dem Tagebau auch zum Tiefbau mit Stollen über. Einer der ersten Stollen ist der uns heute bekannte "Mutter Gottes Stolln" am Kirchberg.

Der Berggießhübeler Bergbau muss sich in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts rasch entwickelt haben, denn Abrechnungen der Burg Dohna und des Amtes Pirna nennen 1443/45 insgesamt 20 Hammerwerke (teilweise bereits wüst liegend) bzw. Hammerwerksbesitzer. Die Lage dieser Werke von der Müglitz im Westen über die Gottleuba und Bahra bis zur Biela im Osten spiegelt ein räumlich ausgedehntes Revier der Eisenverarbeitung zwischen Osterzgebirge und Sächsischer Schweiz wieder. Auch wenn es sich bei den Hämmern nur um kleine Betriebe handelt, so belegt ihre Anzahl und räumliche Verteilung doch die Intensität des Berggießhübeler Bergbaus in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Bereits kurz vor 1450 kam der Vorschlag auf, in Berggießhübel "...ein bergmeister zcu setczen, der den berg sal verliehen, (...) zcusehen, das der ordenlich und recht gearbeit werde, nymand dem andern zcu nahe noch zcu schaden haue, die firsten und bergfesten nicht ingerissen noch vorhauen, davon der Berg schadehaft mochte werden..." 1463 wird mit Peter Hertil ein erster "...bergmeister uf dem Gißhobil..." genannt. Hertil war aber anscheinend Bergmeister ohne separates Bergamt, denn erst ab 1466 werden durch Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht zusätzlich zum Freiberger Bergamt schrittweise weitere Bergämter in den einzelnen Revieren eingerichtet. In diesem Zusammenhang wird Hans Cluge 1466 als "...bergkmeister zcum Gishobel unnde alle andere bergkwercke (...) ußgeslosßen unnser bergkwercke zcu Friberg, Zcwigkaw unde Geyer, Ernfridistorff..." bezeichnet. Auf Hertil und Cluge folgen bis 1783 mindestens 29 weitere Bergmeister.

Mit Einrichtung der Kurfürstlichen Eisenkammer in Pirna bringt Kurfürst Ernst 1472 das Eisenhüttenwesen weitgehend unter seine Kontrolle und installiert ein Monopol im sächsischen Eisenhandel. Die wichtigsten Hammerwerke werden unter Zwangswirtschaft gestellt. Mit der Hammerordnung von 1534 müssen sich die Hammermeister verpflichten, alles erzeugtes Eisen der Kammer gegen feststehende Preise "...zu überantwurtten...". Im Gegenzug übernimmt die Kammer den Weiterverkauf an die Verbraucher. Gleichzeitig schreibt die  Kammerverwaltung den Hammerherren Liefermengen und Qualitätsstandards vor. Dies bedingt wiederum den Bezug bestimmter Eisenerzquoten von den Berggießhübeler Zechen. Damit wird der Eisenerzabbau quasi dem hohen Bergregal untergeordnet. Ziel der Maßnahme ist die Sicherung der Verfügbarkeit von Eisenprodukten insbesondere für das Militärwesen und den Bergbau.

Offensichtlich gingen dieses staatlichen Eingriffe nicht ganz reibungslos von statten, denn 1483 kommt es zu einem Aufstand unter den Berggießhübeler Bergleuten. Diese haben aus Unzufriedenheit mit dem Bergmeister und der Entlohnung "...den berg im Gishobell außgebrant [...], ettliche haspeln, kasten unde stempilln [zerstört], das czu besorgen ist, das großir schade mocht daraus entstehen....". Der Bergbau geht infolge der Unruhen und Beschädigungen für mehrere Jahre zurück.

Um den Abbau wieder in geregelte Bahnen zu lenken, erlässt Herzog Georg von Sachsen 1516 eine erste schriftliche Ordnung für das "...pergkwergk des Gishubels...". Weitere Ordnungen, Mandate und Befehle werden in rascher Folge 1538, 1541, 1546, 1564, 1570, 1583, 1594, 1614, 1660 und 1666 erlassen. Sie regeln insbesondere den Holzbezug der Zechen, den Einkauf von Unschlitt und Leder, Modalitäten der Abrechnung der Zechen gegenüber dem Bergschreiber bzw. der Abrechnung des Bergschreibers gegenüber dem Pirnaer Landvoigt.

Der vermutlich aus der Eifel zugewanderte Eisengießmeister Hans Rabe beginnt um 1520 in der Gießhütte Giesenstein unweit von Berggießhübel mit der Herstellung gusseiserner Produkte. Rabe produziert in einem holzkohlebetriebenen Hochofen v.a. Kanonen- und Büchsenkugeln, (Siede)Pfannen zur Salz- und Seifenherstellung und Pochstempel. Bekanntheit erlangt er jedoch mit der Herstellung künstlerisch wertvoller Ofenplatten, die den kursächsischen Eisenkunstguss begründen. Rabes Darstellung eines vor Ort mit Schlägel und Eisen arbeitenden Knappen ist bis heute ein Teilmotiv des Stadtwappens von Bad Gottleuba-Berggießhübel. Damit hat der "Meister Hans Eisengießer" den Berggießhübler Bergleuten des frühen 16. Jahrhunderts ein bleibendes Denkmal gesetzt. Diese Bergleute waren spätestens ab 1539 in der "...knabschaft ufm Eyßenberge im Gießhübell..." organisiert.

Der intensiv betriebene Eisen- und Kupferbergbau lockt namhafte Gewerken in den Berggießhübeler Bergbau. Nachweisbar ist, dass Anna von Sachsen, seit 1548 Gemahlin von Kurfürst August, 104 Kuxe von Gruben in Annaberg, Freiberg, Marienberg, Schneeberg, Wolkenstein und auch Berggießhübel besaß. Der Stadtrat von Leipzig erwirbt 1546 und 1550 insgesamt 8 Kuxe am "Tiefen Stolln", dessen Auffahrung wohl in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts fällt. 

Das vermutlich älteste erhaltene Risswerk von Berggießhübel aus dem Jahr 1607 zeigt die umfangreichen Bergwerksanlagen jener Zeit im Gebiet rechts der Gottleuba. 51 Fundgruben, darunter 4 Stollen, sind namentlich bekannt. Der "Tiefe Stolln" hatte zu diesem Zeitpunkt eine Länge von 464 Lachter (ca. 920 Meter) erreicht und entwässerte das Martinzecher Lager zur Gottleuba hin. Insgesamt sind seit Beginn des Bergbaus bis um 1630 in der Folge etwa 90 Gruben namentlich bekannt, die aber nicht alle zeitgleich betrieben werden. In den Tälern zwischen Weißeritz und Biela stellen über 40 Hammerwerke und Gießhütten bis zu 1.000 t Eisen pro Jahr her.

 

(4) Bergbaugeschichte im Überblick - Vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Beginn der Industrialisierung (1618/1648 - 1813/1820)

Der einstmals blühende Bergbau bricht jedoch infolge des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) völlig zusammen, auch wenn selbst zu Kriegszeiten noch Fundgruben verliehen werden. Sachsen ist ab 1632 von direkten Kriegshandlungen betroffen. Insbesondere die Hammerwerke sind als Stätten der Waffenproduktion von Plünderungen und Zerstörungen betroffen.

Die Wiederaufnahme des Bergbaus gestaltet sich schwierig. Ein Bericht von 1657 nennt stark ungeordnete  Bergbauaktivitäten, die Zahl der Bergleute ist stark zurückgegangen und alte Bergordnungen werden kaum noch eingehalten. Knappen und Gewerken beschweren sich, dass sie zwar "...eisenstein erbaueten, doch solcher nicht abgenommen, sondern von Hammermeistern abgedrückt werden wolte...". Die Hammerherren versuchten demnach aus der Not der Bergleute Kapital zu schlagen, indem sie u. a. die ehemals von der Eisenkammer festgesetzten Abnahmepreise unterlaufen und durch eigene Bergbauaktivitäten zusätzlich die Preise nach unten drücken. Dabei nutzen gerade die Hammerwerke den Wiederaufbau zur technologischen Erneuerung und flächendeckenden Einführung der Hochofentechnologie.

Bis um 1700 verfügen alle 15 in Betrieb stehenden Hammerhütten im Revier des Pirnisch Eisen über einen Hochofen. Wichtigstes Zeugnis dieser Zeit ist der erhaltene Hochofen der Hammerhütte Brausenstein im Bielatal als ältester erhaltener Hochofen in den neuen Bundesländern.

Diese Entwicklung kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Berggießhübler Bergbau nicht mehr an die Blütezeit des 16. Jahrhunderts anknüpfen kann. Den sächsischen Kurfürsten und den Verwaltungsbeamten der Eisenkammer gelingt es nur unzureichend, die Einfuhr von preiswerten Eisen-Halbzeug v.a. aus Schlesien, Thüringen und der Mark Brandenburg zu unterbinden. Damit wird aber das Handelsmonopol der Eisenkammer immer weiter unterhöhlt, so dass Kurfürst Johann Georg III. 1686 ihre Auflösung beschließt. Damit endet nach über 200 Jahren der Versuch, den Eisenhandel (und damit de facto auch den Eisenerzbergbau) analog dem Silberbergbau unter das hohe Bergregal zu stellen.

Auch die Nachkriegsblütezeit der Gießhütten hält nur wenige Jahrzehnte an, denn 1731 untersagt Kurfürst August der Starke aufgrund des katastrophalen Zustandes der Wälder die begünstigte Holzentnahme. Die Gießhütten sind nun zum teuren Import böhmischer Holzkohle bzw. böhmischen Kohlholzes gezwungen. Damit ist aber kein rentabler Hüttenbetrieb mehr möglich, so dass mit Ausnahme der Hütten Kammerhof und Schmiedeberg alle Hütten bis ca. 1750 ihren Betrieb einstellen.

1726 beginnt die Auffahrung des "Friedrich Erbstolln", des heutigen Besucherbergwerks "Marie Louise Stolln". Mit dem Stollen soll eine einheitliche Erschließung und Entwässerung der wichtigsten Erzlager östlich der Gottleuba geschaffen werden, so wie dies bereits vor dem Dreißigjährigen Krieg mit dem (mittlerweile verbrochenen) "Tiefen Stolln" bestand. Zu dieser Zeit existierten im Berggießhübeler Revier 17 gangbare Gruben,  "...meistens Eisenstein- und etliche Kupffer-Zechen". Letztere beliefern die 1722 neu erbaute Kupferhütte.

Doch auch hier sind es wieder Kriegsjahre, die eine hoffnungsvolle Entwicklung unterbrechen. Nach dem Nordischen Krieg (1700-21), dem Ersten (1740-42) und Zweiten Schlesischen Krieg (1744-45) wird Sachsen mit dem Siebenjährigen Krieg (1756-63) zum vierten Mal innerhalb weniger Jahrzehnte zum Kriegsschauplatz. Die sächsische Wirtschaft und das erzgebirgische Montanwesen geraten durch Zerstörungen, Plünderungen, Einquartierungen und eingeschleppte Seuchen an den Rande des Ruins. Auch in Berggießhübel erfährt der Bergbau kriegsbedingte Einbußen. Die Zahl der gangbaren Zechen und Stollen reduziert sich zwischen 1759 und 1772 von 12 auf 4. Schon ab 1750 gab es Bemühungen, die Bergämter Berggießhübel und Glashütte zu vereinigen. Bis 1768 besaß das "Bergstädtlein Gießhübel" ein eigenes Bergamt, das dann mit dem Glashütter Bergamt vereinigt wird. 1783 wird das kombinierte Amt Glashütte-Berggießhübel dem Altenberger Bergamt zugeschlagen.

Spätestens 1773 erreichen die Knappen des "Friedrich Erbstolln" in einer Entfernung von ca. 390 Metern vom Mundloch das Mutter-Gottes-Lager, denn aus diesem Jahr ist die Gewinnung von Garkupfer und Silber im Verkaufswert von 1.832 Talern aus den Erzen dieses Lagers belegt. Ein Jahr später verzeichnen Ausbeutebögen in Berggießhübel wieder 24 Bergwerke, von denen allerdings 16 Fristzechen und 6 Eigenlehnerzechen sind (in den Fristzechen ist der Betrieb mit bergamtlicher Erlaubnis vorübergehend eingestellt, Eigenlehnerzechen sind i.d.R. kleine und ertragsschwache Zechen). Sieben Zechen fördern insgesamt 408 Fuder Eisenerz. 1786/88 werden aus dem Segen-Gottes-Lager 43 Zentner ⅛ Pfund Garkupfer und 10 Mark 6 Loth 3 Quent Silber ausgebracht.

Neben der seit 1722 bestehenden Kupferhütte wird 1793 ein Vitriolwerk errichtet, dass vorrangig Erze der Gruben "Mutter Gottes am Kirchberg" , "Segen Gottes am Flachsland", "Grüner Zweig Fundgrube" (bei Friedrichswalde im Bahretal) und "Friedrich Erbstolln samt Segen Gottes obere Maaßen am Flachslande" verarbeitet. Insgesamt erbringen die vier Gruben zwischen 1798 und 1811 eine Ausbeute von 1.700 Tonnen Vitriolkies (Pyrit) und 26 Tonnen Schwefelkies (Markasit). Das Vitriolwerk produziert in die-
sem Zeitraum 92 Tonnen Vitriol, 1,6 Tonnen rote Farbe und 60 Kilogramm Schwefel - insgesamt ein bescheidener Betrieb, der deutlich mehr Zubuße verlangt, als er Ausbeute einbringt.

Im letzten Jahr der Napoleonischen Befreiungskriege wird die Region um Berggießhübel Schauplatz erbitterter Kämpfe. Durchziehende Truppen legen in der Stadt fast jedes dritte Haus in Schutt und Asche, mehr als 100 Einwohner sterben am eingeschleppten Typhus. Österreichische Soldaten zerstören beim Rückzug von der Schlacht bei Dresden (26./27.8.1813) das Kupfer- und Vitriolwerk. Die Bergwerksanlagen werden derart beschädigt, dass der Bergbau bis 1819 in den verbliebenen Gruben "Friedrich Erbstolln samt Segen Gottes Fundgrube", "Mutter Gottes Fundgrube" und "Johann-Georgen-Stolln" zum Erliegen kommt.

 

(5) Bergbaugeschichte im Überblick - Vom Beginn der Industrialisierung bis zum Ende des Bergbaus (1813/1820 - 1942)

Ab 1819 erfolgen durch das Bergamt in Altenberg umfangreiche Untersuchungen zur Wiederaufnahme des Bergbaus in Berggießhübel. Neben Aktenabschriften gab es Untersuchungen an und in alten Bergwerksanlagen, so im "Rosenwirth Stolln" und im alten "Diemberger Stolln" (der als "Graf Carl Stolln" neu aufgefahren wird). Unter der Initiative des sächsischen Kabinettsministers und Eisenhüttenunternehmers (Eisenwerke Lauchhammer, Gröditz) Detlev Graf von Einsiedel kommt es zur schrittweisen Neuaufnahme des Bergbaus. Vor allem am Hochstein können mehrere noch bauwürdige Erzlager ausgemacht und erschlossen werden. Auch der Montanunternehmer Carl Friedrich August Freiherr Dathe von Burgk erwirbt Berggießhübeler Zechen, deren Eisenerze das Burgksche Eisenwerk Dölzschen im Plauenschen Grund beliefern. Hier nimmt 1842 der erste sächsische Kokshochofen seinen Betrieb auf.

Der Staat unterstützt den Neuanfang mit dem 1825 begonnen Vortrieb des "Zwiesler Tiefer Erbstolln". Mit dem Stollen soll das erzreiche Martinzecher Lager in größerer Tiefe erschlossen werden. Die beim Vortrieb des Stollens genutzte Bohr- und Schießarbeit löst die bis dato in Berggießhübel dominierende Schlägel- und Eisenarbeit bzw. das Feuersetzen endgültig ab. 1850 erreicht der Stollen in einer Entfernung von 1.020 Metern vom Mundloch das Martinzecher Lager. Die in den Stollen gesetzten Erwartungen erfüllen sich jedoch kaum. Zwar erschließt er über 40 Vorkommen mit Eisen-, Kupfer-, Silber- und Bleierzen, die Masse der Vorkommen ist jedoch nicht abbauwürdig.

Die Gräflich Einsiedelsche Eisenhüttenadministration nimmt 1836 das neue Eisenwerk Berggießhübel in Betrieb. Das an der Gottleuba gelegene moderne Werk verfügt über den zweiten in Sachsen errichteten Hochofen, der mit vorgewärmter Luft betrieben wird. Das zur Verhüttung benötigte Erz stammt v.a. aus der "Martinzeche Fundgrube" und der "Hammerzeche Fundgrube". Mit anfangs 33 Mitarbeitern produziert das Werk u.a. Gasröhren, Eisenbahnräder und Ofenplatten. Innerhalb von zwei Jahren steigt die Jahresproduktion auf über 6.000 Zentner Eisenwaren.

Der Wiederaufschwung des Bergbaus spiegelt sich auch im großen Berggießhübler Bergaufzug von 1841 wieder, der erstmals seit etwa 150 Jahren wieder durchgeführt wird. Am Aufzug nehmen 78 Mitglieder der Berggießhübler Knappschaft sowie leitende Offizianten des Bergamtes Altenberg, Mitglieder der Altenberger Knappschaft, der Bergbauunternehmer Freiherr Dathe von Burgk und dessen Offizianten sowie die Leitung und Belegschaft des Gräflich-Einsiedelschen Eisenwerkes teil.

Doch nur wenige Jahre später gehen die Bergbauaktivitäten aus mehreren Gründen wieder zurück. So zieht sich Freiherr Dathe von Burgk aus dem Berggießhübler Bergbau zurück, u.a. da der Erztransport von Bergießhübel nach Dölzschen zu teuer ist. Die mit dem „Zwiesler Tiefer Erbstolln“ angefahrenen Erzlager erweisen sich in der Masse als nicht abbauwürdig. Und auch der noch recht neue Hochofen des Berggießhübler Eisenwerkes kann aufgrund seiner Holzkohlenfeuerung immer schlechter mit den zunehmend aufkommenden Kokshochöfen in anderen deutschen Bergbaugebieten konkurrieren. Letztlich ist auch der Erztransport von Berggießhübel nach auswärts wegen der schlechten Transportwege und der fehlenden Eisenbahn nicht rentabel.

Zwischen 1847 und 1853 sind im Berggießhübler Bergbau nur noch etwa 20-30 Bergleute beschäftigt. Die Eisenerzförderung konzentriert sich auf "Hammerzeche Vereinigt Feld" und die "Martinzeche". Die Grube "Mutter Gottes vereinigt Feld sammt Gott mit uns" liefert durch das Auskutten alter Erzbaue 469 Tonnen Erz mit einem Gehalt von 5,3 Tonnen Kupfer und 25,8 Kilogramm Silber an die Freiberger Schmelzütten. Die Förderung endet, nachdem sich die Ausbeute aus den Versatzbergen erschöpft. Eine direkte Gewinnung aus dem Festgestein ist wegen des geringen Kupferanteils nicht rentabel.

Es sieht ganz so aus, als ob der Berggießhübler Bergbau in den 1860er Jahren seinem Ende entgegen tritt - doch da läutet der königlich preußische Kommerzienrat, Maschinenbaufabrikant und Eisengießer Hermann Gruson aus Buckau bei Magdeburg eine letzte Bergbauperiode ein. Gruson erwirbt 1870 im Rahmen einer Zwangsversteigerung das Grubenfeld "Mutter Gottes vereinigt Feld sammt Gott mit uns und Friedrich Erbstolln" für 165.000 Mark. Bereits im Sommer 1871 erfolgt für 1,8 Millionen Mark der Weiterverkauf an ein Bankenkonsortium. Ende 1871 gelangt dann die Sächsische Eisenindustriegesellschaft zu Pirna, in der Gruson im Aufsichtsrat sitzt, für 2,7 Millionen Mark in den Besitz der Zeche. Innerhalb von knapp zwei Jahren hat sich der Wert des Bergwerks damit mehr als versechzehnfacht, ein Ausdruck der hohen Gewinnerwartungen der Aktionäre.

Und Gruson geht mit Hochdruck daran, die im erworbenen Grubenfeld vermuteten bis zu 3 Millionen Tonnen hochwertigstes Magnetit abzubauen. Zeitgenössische Quellen vermerken "...eine Wiederaufnahme des schwach unterhaltenen Grubenbetriebes in schwunghafter Weise…“. Dabei wird der Querschnitt des "Friedrich Erbstolln" (nun umbenannt nach Grusons Tochter in "Marie Louise Stolln") erweitert und eine Grubenbahn installiert. Vor dem Mundloch entsteht ein neues großes Scheidehaus. Die eigentlichen Tagesanlagen errichtet man jedoch auf dem Kirchberg. Hier wird noch 1870 mit dem Abteufen des "Emma-Schachtes" als Hauptzugang zum Mutter-Gottes-Lager begonnen. Der Schacht soll letztlich eine Teufe von etwa 150 Metern erreichen. Kern der bis 1872/73 fertig gestellten Tagesanlagen ist der Gebäudekomplex des Treibe-, Kessel- und Maschinenhauses, der mit dem Malakowturm und der 42 Meter hohen Esse schon äußerlich ein deutliches Symbol ist: über dem beschaulich im Tal liegenden Kurstädtchen erheben sich die Bauten der neuen Industriezeit.

Bereits 1875 erreicht die Förderung der Grube "Mutter Gottes vereinigt Feld samt Gott mit uns und Marie-Louise-Stolln" einen vorläufigen Höhepunkt: 162 Bergleute fördern 14.206 Tonnen Eisenerz und 8,3 Tonnen Silber- und Kupfererze im Wert von 214.000 Mark zu Tage. Diese Fördermenge täuscht aber nicht darüber hinweg, das auch hier im Bergrevier Berggießhübel der Rückgang der bergbaulichen Tätigkeiten zu erwarten ist. Günstige Aufschlüsse im Erzlager bleiben aus, so dass sich die ursprünglich auf 3 Millionen Tonnen prognostizierte Erzmenge als zunehmend unrealistisch erweist. Hinzu treten als äußere Rahmenbedingungen die europäische Stahlüberproduktion und der günstigere Einkauf von Rohstoffen auf dem damaligen Weltmarkt. 

Bis 1892 fördert "Mutter Gottes vereinigt Feld samt Gott mit uns und Marie-Louise-Stolln" knapp 154.000 Tonnen Eisenerz zu Tage - dann ist aufgrund der Erschöpfung der Vorräte buchstäblich Schicht im Schacht. Die Grube wird aus dem Bergwerksverzeichnis losgesagt und gelöscht. Bis 1894 erfolgen noch Gewinnungsarbeiten durch Auskutten von Schachthalden. Zuvor haben 1875 schon "Hammerzeche Vereinigt Feld" und 1886 auch die "Martinzeche Fundgrube" infolge Erschöpfung der Erzlager die Förderung endgültig eingestellt. Mit der Stilllegung von "Mutter Gottes vereinigt Feld" endet faktisch die Zeit des aktiven Berggießhübler Bergbaus nach mehr als fünf Jahrhun-
derten. Alle noch folgenden Bergbauaktivitäten kommen über die Erkundung nicht hinaus.

In der Bilanz stellen die Jahre zwischen 1870 und 1892 die intensivste Periode des Berggießhübler Bergbaus dar. Die drei aktiven Gruben "Mutter Gottes vereinigt Feld", "Hammerzeche Vereinigt Feld" und "Martinzeche Fundgrube" liefern im genannten Zeitraum reichlich 169.000 Tonnen hochwertiges Eisenerz, davon entfällt der Großteil (91%) auf "Mutter Gottes vereinigt Feld". Innerhalb Sachsens nimmt das Berggießhübler Revier zwischen 1870 und 1892 eine führende Rolle in der Eisenerzförderung ein. In der Periode der sächsischen Hochindustrialisierung stammt  fast die Hälfte des im Königreich abgebauten Eisenerzes aus Berggießhübel. Über zwei Jahrzehnte bietet der Bergbau den Bergleuten ein sicheres Einkommen, in Spitzenjahren stehen mehr als 150 Knappen in Lohn und Brot.

In den folgenden Jahrzehnten dienen die Gruben als Spekulationsobjekte vorrangig ausländischer Unternehmen u.a. aus Luxemburg und Italien. Zahlreiche Besitzerwechsel und Untersuchungsarbeiten folgen, ohne dass jedoch ein geregelter und länger andauernder Abbau mit nennenswerter Förderung stattfindet. 1930/31 wird mit der "Paulzeche" das letzte bergrechtlich registrierte Berggebäude losgesagt und gelöscht.

Im Zuge der Autarkiepolitik des Deutschen Reiches kommt es 1937 zur Neuverleihung des Grubenfeldes "Prinzessinnen Höhe bei Berggießhübel". Das Feld umfasst über 1.600 Hektar. Die Vereinigte Oberschlesische Hüttenwerke AG Gleiwitz beginnt 1938 den Erkundungsbetrieb. Dafür wird im Bereich des heutigen Autohaus Glöckner ein etwa 180 Meter
tiefer Schacht (Schacht 381) abgeteuft und 800 Meter Untersuchungsstrecke aufgefahren. Da aufgrund des negativen Verlaufs der Erkundungsarbeiten keine Chance auf eine dauerhafte Wiederaufnahme des Berggießhübler Bergbaus besteht, werden die Arbeiten am 31. Mai 1942 eingestellt. Damit findet der jahrhundertealte Berggießhübler Bergbau
sein endgültiges Ende. Vor dem ehemaligen Bahnhof erinnert heute ein Hunt als Bergbaudenkmal an die letzte gefahrene Schicht.

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(5) Was bleibt - Sachzeugen von Bergbau und Hüttenwesen im Berggießhübeler Revier und der Umgebung

Das Erbe des Bergbaus und seine Spuren sind jedoch auf vielfältige Art noch im Stadtbild vorhanden und prägen die Entwicklung Berggießhübels bis heute. So geht das heutige Kurwesen in seinem Kern auf den Bergbau und das Hüttenwesen zurück, denn es waren Berg- und Hüttenleute, die 1717 und 1722 die ersten heilkräftigen Wässer entdeckten. Es war aber auch wiederum der Bergbau, der zum Niedergang des Kur- und Badewesens führte. Aufgefundene Heilquellen und Brunnen versiegten durch den umgehenden Bergbau. Seit 1934 haben deshalb die Wasserheilmethoden von Pfarrer Sebastian Kneipp Einzug in Berggießhübel gehalten. Dazu nutzte man wiederum das Wasser aus den in der Zwischenzeit stillgelegten Bergwerksanlagen.

Die Nachnutzung der Bergbauanlagen, in gewerblicher Form durch die Firma Bergi Plast GmbH mit Hauptsitz am alten "Emma-Schacht", und in touristischer Form durch das Besucherbergwerk "Marie Louise Stolln", stellt bis heute ein weiteres wichtiges wirtschaftliches Standbein Berggießhübels dar. Im Besucherbergwerk "Marie Louise Stolln" haben seit zwischen 2006 und 2015 knapp 149.000 Gäste an einer Führung oder Veranstaltung im Bergwerk teilgenommen. Allein 2015 wurden reichlich 19.000 Besucher untertage begrüßt. Damit hat sich das Bergwerk als Tourismusziel etabliert und rasch einen festen Platz unter den mehr als 50 sächsischen Bergbauschauanlagen erobert.

Doch nicht immer zeigt sich das Bergbauerbe in einer positiven Art. Schon 1463 gab es eine Fundgrube "ufm Bruche", eine Zeche also, die auf einer zuvor eingestürzten Grube aufbaute. Und so sind es auch Bergschäden, die wiederholt an die Bergbaugeschichte Berggießhübels erinnern. Bereits zwischen 1892 und 1970 mussten auf dem Kirchberg drei Gebäude wegen Bergbauschäden abgetragen werden. Die alte Schule auf dem Kirchberg musste 1930 und in den 1960er Jahren umfangreich gegen Rissbildung gesichert werden. In den 1970er Jahren nahm die Bergsicherung Dresden umfangreiche Sicherungsmaßnahmen im "Marie Louise Stolln", im Mutter-Gottes-Lager, im "Zwiesler Tiefer Erb-
stolln
" und am "Oberen Graf Carl Stolln" vor. Weitere Bergschäden traten in den letzten 25 Jahren am Kirchberg und am ehemaligen Schacht 381 auf. Insgesamt summiert sich die Zahl der seit den 1950er Jahren bis heute festgestellten Bergschäden in Berggießhübel auf etwa 150 Fälle.

Dem interessierten und aufmerksamen Besucher zeigen sich heute noch zahlreiche Sachzeugen der Berggießhübeler Bergbaugeschichte. Neben dem Besucherbergwerk "Marie Louise Stolln" finden sich, teils auch im Waldgebiet versteckt gelegene Stollenmundlöcher, alte Schachthalden, verschlossene Schächte und Denksteine mit Inschriften. Eine Vielzahl dieser historischen Stätten sind mit Informationstafeln beschildert und können über zwei Bergbauwanderwege erlebt werden. Dazu bieten Mitglieder der Knappschaft Berggießhübel auch geführte Bergbauwanderungen an.

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Galerie Marie Louise Stolln

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Blick auf das Scheidehaus

Das Scheidehaus zur blauen Stunde

Blick auf das Scheidehaus

rückwärtige Ansicht des Scheidehauses

Blick auf das Scheidehaus, die Seilscheibe stammt von der WISMUT-Niederlassung Königstein

Vortrags- und Filmsaal im Obergeschoss des Scheidehauses

Blick in den Ausstellungsraum im Obergeschoss des Scheidehauses

Lochstein der Grube "St. Bartel" (1725) im Ausstellungsraum

Markscheidetafel der "Hammerzeche Fundgrube" (1831) im Ausstellungsraum

Mundloch des Marie Louise Stolln
 

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Galerie Tiefer Rosenwirth Stolln

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Sandsteinmauerung im vorderen Bereich des Stollens

Jahrestafel "1848"

Reste alter Einbauten im vorderen Bereich des Stollens

Der Stollen ist weitgehend im standfesten Gebirge aufgefahren

Tiefer Rosenwirth Stolln

farbenprächtige Eisensinter
 

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Galerie Tiefer Zwiesler Erbstolln

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Mundloch des Zwiesler Tiefer Erbstolln

Blick auf die offene zur Gottleuba führende Rösche des Stollens

Inschrift über dem Mundloch

Schlussstein über dem Mundloch mit dem sächsischen Wappen und der Jahreszahl 1825

Blick in den Stollen

Der Stollen im Mundlochbereich, das sandsteinerne Tragwerk ist zu erkennen
 

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Galerie sonstiger Bergbauzeugnisse

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altes Berggießhübeler Stadtwappen mit dem vor Ort mit Schlegel und Eisen arbeitenden Hauer

Grubenhunt als Hinweis zum Besucherbergwerk Marie Louise Stolln

Straßenname "Zechenweg", Erinnerung an einen alten Arbeitsweg der Bergleute

ehemaliges Huthaus der Mutter-Gottes-Fundgrube am Kirchberg

alte Bergmannswohnhäuser am Kirchberg

Blick auf das ehemalige Schacht- und Maschinenhaus des Emma-Richtschachtes auf dem Kirchberg
 

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